Die goldene Brille und die Kunst, Menschen nicht zu verurteilen

Giraffen mit Sonnenbrillen-goldene Brille und positive Unterstellung

Was KPU damit zu tun hat und warum Gespräche manchmal so anstrengend sind

Apr. 01, 2026

Die Brille, die alles verändert

Es ist Zeit für die Wahlvorträge auf einem Elternkongress in einer großen deutschen Stadt. Der Redner, für dessen Vortrag ich mich entschieden hatte, steht vor uns, der erwartungsvollen Zuhörerschaft, bereit seinen Vortrag zu starten.

Nach einer kurzen Vorstellung, zieht er eine riesige goldene Brille auf, macht eine lange Pause und sagt dann: „Ich arbeite mit der KPU Methode.”

Stille.

„KPU heißt: Konsequent Positive Unterstellung.”

Die Zuhörer lachen über diese Abkürzung, entspannen sich und die und der ein oder andere denkt sich vielleicht, dass sie schon ein bisschen albern ist, diese riesige Brille.

Doch das Thema ist ernst. Es geht in die Tiefe. Mit KPU, dem Grundprinzip der Gewaltfreien Kommunikation nach Marshall Rosenberg, geht man davon aus, dass jedes Verhalten, auch ein schwieriges, auf dem Wunsch nach Erfüllung eines Bedürfnisses beruht. Ein Mensch tut und sagt also nichts gegen einen anderen, sondern tut etwas für sich.

Wie soll das denn gehen? Positive Unterstellung …

Vor allem wenn sich jemand echt danebenbenimmt, dann muss doch wirklich durchgegriffen werden. Es muss Konsequenzen geben! Für den Störenfried. Schließlich will man Ruhe, akzeptables Verhalten und die ungeteilte Aufmerksamkeit, sowohl im Klassenzimmer als auch im Wohnzimmer. Und auf der Arbeit und überall.

Während Andreas weiter redet, wird klar, dass KPU sich zwar lustig anhört, dass dahinter aber sehr viel Beschäftigung jedes Einzelnen mit sich selbst steckt.

Ach du meine Güte! Echt jetzt?

Jemand ist nicht unserer Meinung oder macht etwas, das uns so richtig gegen den Strich geht. Was ist dein erster Impuls in solchen Situationen?

Das mindeste ist Ärger, der aufsteigt und der Impuls, regulierend eingreifen zu wollen. Durch Handlungen oder durch Worte und Tonfall und Blicke. Manche werden laut und bedrohlich, manche versuchen zu manipulieren. Damit das äußerst unangenehme Gefühl im Bauch oder Brustkorb weggeht.

Wir kennen das doch alle, oder? Natürlich kennen wir das.

Keine Methode. Eine Haltung.

Im Laufe des Vortrags wird klar, dass es sich bei KPU nicht um eine Methode handelt und es auch nicht um Handlungsstrategien in momentanen Situationen geht.

Sondern darum, eine Haltung des Wohlwollens – besonders sich selbst und anderen Menschen gegenüber – zu entwickeln. Des Wohlwollens und der Gleichwürdigkeit.

„Eine Haltung?”, fragst du? Fragen alle, die im Raum sind.

Für so einige ist der Gedanke ungewohnt. Zu schnell ist der Reflex, aus der Überzeugung heraus zu handeln, dass der Mensch schlecht ist. Diese Überzeugung ordnet vermeintlich – doch sie steckt in Wirklichkeit in Schubladen.

Manchmal denke ich, dass die Schubladen Sicherheit und Kontrolle bedeuten. Doch das tötet Lebendigkeit. In Kindern, in Erwachsenen, in Beziehungen.

Gleichwürdig, nicht gleich

Andreas führt aus, dass die Erwachsenen in Elternhaus und Schule die Hauptverantwortung für die Beziehungsgestaltung haben. Das ist natürlich unter Erwachsenen anders. Doch was immer wichtig ist, ist die Gleichwürdigkeit.

Das ist ein Wort, über das ich ganz zu Anfang gestolpert bin.

Gleichwürdigkeit bedeutet nicht Gleichheit der Rechte – sondern Gleichheit des Wertes. Ein Kind hat nicht dieselben Rechte wie ein Erwachsener, aber denselben inneren Wert. Das ist der Kern.

Wer den gleichen Wert im anderen sieht – auch im schwierigen Moment – handelt anders.

Wie geht es dir damit? Mit dem anders handeln können?

Konsequent Positive Unterstellung ist die Haltung, die auch Kontakt und Beziehung unter Erwachsenen beeinflusst. Es ist eine offene Grundhaltung des Interesses am anderen, ohne etwas zu erwarten.

Wie Arne Mühlholm „Sei ein Mensch“ es ausdrücken würde: Vor dem Reden über unsere Meinung, Sichtweise, Standpunkte steht das Verstehen des Gegenübers. So dass aus einem Gegeneinander viel eher ein Miteinander wird.

Neue Möglichkeiten und neue Wege eröffnen sich, wenn die Entscheidung getroffen wird, keine Erwartungen ans Ergebnis zu haben. Sondern vielmehr interessiert nachzufragen, was den anderen bewegt. Arne erzählt es so: ,,In meiner Wahrnehmung entstehen dann kleine Wunder, die ich so nie erwartet hätte. Vielleicht, weil ich keinen Widerstand leiste sondern sage: ,,Erzähl mir mehr.” und das verändert etwas in dem Gegenüber.”

Auch meine ehemalige Klientin Tanja sagt: „Wenn ich wirklich losgelassen habe, bin ich erstaunt, wie viel Gutes plötzlich auf mich zukommt. Und was alles möglich wird.” Und: „Wenn ich ganz bei mir bleibe, dann habe ich gar nicht erst Erwartungen.” Ich selbst habe die Erfahrung gemacht, dass ich irgendwann meine Meinung gar nicht mehr in den Vordergrund stellen musste.

Was eine Haltung der Konsequenten Positiven Unterstellung bewirkt, zeigt auch Rutger Bregman in „Im Grunde gut”. Diese Annahme ist keine Illusion – er hat dafür Belege gesammelt, die aus meiner Sicht kaum bekannt sind.

Was darunter liegt

Das Eisbergmodell von Katia Saalfrank macht sichtbar, was wir oft übersehen:

Hinter jedem Verhalten liegt ein guter Grund.

Die Spitze des Eisberges steht für das Verhalten, das man sieht, die Meinung, die man hört. Unter der Wasseroberfläche liegen die Dinge, die nicht offensichtlich sind. Zuerst Gefühle, durch die das Verhalten gesteuert wird. Und darunter die Bedürfnisse nach Liebe, Sicherheit, Zugehörigkeit – die unerfüllt sind.

Kinder benötigen die Unterstützung von Erwachsenen, um sich diese Bedürfnisse zu erfüllen. Erwachsene sind selbst für die Erfüllung ihrer Bedürfnisse zuständig.

Thomas Gordon, der Autor von „Die neue Familienkonferenz”, beschreibt eindrücklich die Unterschiede zwischen dem Umgang, den wir vermutlich fast alle kennen, und der Anwendung einer Haltung wie KPU – und deren Auswirkungen auf das Miteinander. Das Buch gibt es übrigens auch für Manager und Lehrer.

Respekt und Freundlichkeit sind keine Einbahnstraße. Aber ich fange bei mir an.

Wenn ich über KPU spreche, kommen Reaktionen:

“Aber wenn jemand mich wirklich verletzt hat – soll ich da auch noch eine positive Absicht unterstellen?”

“Das ist doch nur für Menschen, die keine echten Probleme haben.”

“Ich mache das schon so – und der andere nutzt das aus.”

“Das klingt nach Psycho-Blabla für Leute, die sich alles gefallen lassen.”

“Ich bin ja bereit – aber der andere ist es nicht. Was dann?”

Ich höre das. Und ich lasse diese Fragen stehen.

Was ich sagen kann: Mir geht es besser, wenn ich in dieser Haltung unterwegs bin. Das ist meine Erfahrung. Die Verantwortung für sein Denken und Handeln trägt der andere selbst.

Hier passt das alte Bild: Wie ich in den Wald hineinrufe, so schallt es heraus. Keine Garantie. Aber eine Wahrscheinlichkeit.

Ich fange bei mir an. Das reicht.

Wie es gelingt, wenn man es wirklich will

Hier ein paar Hinweise, wie es gelingen kann, diese Haltung einzunehmen.

Für mich war es immer wieder eine Entscheidung. Und die Bereitschaft, diese anfänglich herausfordernde Perspektive einzunehmen. Mich selbst und die eigene Perspektive nicht in den Vordergrund stellen zu wollen. Den anderen durch Zuhören verstehen zu wollen. Und nach der Bereitschaft zu fragen, ob mein Gegenüber bereit ist, auch meine Perspektive anzuhören.

Was in dem Ganzen noch nicht berücksichtigt wurde: die Bereitschaft, sich mit den eigenen Mustern, der Prägung und den ungestillten Bedürfnissen wirklich auseinanderzusetzen. Solange das nur unzureichend passiert, besteht die Gefahr, Dinge weiterhin persönlich zu nehmen. Oder sich im Kampf zu befinden, weil man meint, alle seien sowieso gegen einen.

Das erste Mal, dass ich angefangen hatte, meine KPU – Brille aufzusetzen ist mir hier aufgefallen: Während eines Gespräches mit unsere Kitaleitung ist mir aufgegangen, wie absurd dieser übliche Satz ist: ‘Kinder wissen genau, welche Knöpfe sie drücken müssen.’ Das hatte plötzlich etwas von: Mein Kind ist der Endgegner. Und wenn das Kind der Endgegner ist, wird Beziehung unmöglich.

Der Gedanke, dass Kinder manipulieren und Knöpfe drücken – der war irgendwann einfach weg. Beziehung war mir so wichtig, dass ich wirklich den Blick auf den Blick auf die Gründe für Verhalten meiner Kinder richten konnte. Und mit ihnen nach guten Lösungen suchen konnte.

Die Verantwortung für sich und die eigene Gefühlsregulation zu übernehmen, gehört auch dazu. Falls das ein unangetastetes Thema bleiben sollte, nützen alle guten Vorsätze nichts.

Es geht auch darum, Vertrauen in sich selbst zu haben, in sein Gegenüber und das Vertrauen durch Neugier und einen positiven Blick auf die Welt zu halten.

Eine Bekannte hat mir ein Bild gegeben, das mich sehr beeindruckt hat: Sie wollte ihr Pferd nach einem Turnier schnell in den Hänger bringen. Das Pferd scheute allerdings bei einem Holzstapel. Sie ging mit ihm mehrmals wieder ein Stück zurück, gab ihm eine Kleinigkeit zu fressen und startete einen neuen Versuch. Das wirkt aufwendig – hat aber die Zeit, die das Pferd brauchte, um sicher genug zu sein, deutlich verkürzt. Das Pferd ernst zunehmen war die effizientere Strategie. Im Vergleich zu der Strategie anderer anwesenden Reiter, die ihre Pferde geschlagen haben, damit sie gehorchten und damit sehr viel mehr Zeit brauchten.

KPU passt zu den Arbeiten von Lisa Feldman – Barrett. Sie sagt, dass das Gehirn Vorhersagen trifft, aufgrund derer dann die Gefühle entstehen. Ich finde das sehr spannend, weil ich daraus schließe, dass ich diese Vorannahmen ändern kann. Ich bin nicht hilflos.

Zum Schluss möchte ich dich ermutigen, KPU auszuprobieren. Neue Erfahrungen machst du nur, wenn du das tust. Was wäre, wenn der Verzicht auf Urteilen die Welt ein bisschen leichter machen würde?

Und nein – es reicht nicht, nur Selbsthilfebücher zu lesen und das Gefühl, das dadurch entsteht, als Tun zu interpretieren.

Wenn dich bewegt, was du liest und du daran arbeiten möchtest eine andere Haltung zu dir selbst und zu anderen in dein Leben zu holen, dann musst du das nicht alleine machen. Buche dir gerne einen kostenfreien Kennelerntermin über diesen Link: https://corinnavondermuehlen.de/termin-buchen/.

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