Als sie die Rüstung auszog
Was passiert, wenn man aufhört zu kämpfen
Manchmal entstehen in der Arbeit mit Klienten Bilder.
Einfach so, mitten im Gespräch. Das kann man nicht planen.
Im Gespräch mit Sandra hatte ich plötzlich ein Bild zu ihrer Erzählung, wie sie sich mit ihrem Mann fühlt. Wie es sich anfühlt, wenn zwei Menschen sich nicht mehr erreichen können.
Wir mussten beide lachen, wie man so lacht, wenn plötzlich eine überraschende Erkenntnis auftaucht. Zusammenhänge klar werden, sie aber aufgrund der eigenen Sicht auf die Dinge noch so unwahrscheinlich wirken. Fast wie ein Witz.
Und gleichzeitig hat dieses Bild etwas aufgemacht. Plötzlich konnte sie sich selbst sehen. Und ihren Mann. Und die Verletzung unter der Oberfläche. Dass auch er ein Mensch ist, mit eigenen Mustern, eigener Geschichte, eigener Unsicherheit.
Das hat sie überrascht.
Mich hat überrascht, dass mit einem Mal dieser Perspektivwechsel möglich wurde.
Einige Zeit später habe ich gesehen, was aus diesem Moment geworden ist. Aber hier ist zuerst die Geschichte zu dem Bild.
Die Rüstung
Ein Mann kommt von der Arbeit nach Hause. Er ist müde. Im Flur riecht es nach Essen. Erleichtert denkt er: „Jetzt kann ich mich ausruhen.“ Doch in der Küche steht, er reibt sich erschrocken die Augen, eine Gestalt in Ritterrüstung. Seine Frau! Vorsichtig setzt er sich an den Tisch. Er hat nichts zu seiner Verteidigung dabei. Zumindest glaubt er das.
Den Stacheldraht trägt er schon so lange mit sich, dass er ihn kaum noch merkt. Schnell wickelt er ihn um sich. Dass er sich dabei selbst verletzt, merkt er kaum noch. Die Frau dreht sich um. Als sie den Stacheldraht sieht, erstarrt sie.
Und sofort schießt ihr durch den Kopf, wie oft sie sich durch seine Worte verletzt gefühlt hat. Wie oft sie sich klein gefühlt hat. Falsch. Nicht gesehen. Wann ist das alles eigentlich passiert?
Sie merkt, dass ihr Mann etwas sagt. Doch der Helm ist so gestaltet, dass sie ihn kaum verstehen kann.
Und dann passiert etwas Seltsames. Sie nimmt den Helm ab. Zum ersten Mal seit langer Zeit. Jetzt hört sie seine Stimme. Und obwohl der Stacheldraht zwischen ihnen liegt, versteht sie plötzlich mehr als vorher. Er spricht von früher. Davon, wie sie einmal war. Wie viel Humor sie hatte. Wie lebendig sie wirkte. Und langsam begreift sie etwas: Dass sie sich selbst über Jahre immer weiter zurückgezogen hat. Immer vorsichtiger wurde. Immer angepasster. Immer kleiner.
Bis irgendwann selbst ihr eigener Blick kaum noch bei ihr ankam. Sie verstand plötzlich auch, dass sie beide ihre Werkzeuge schon viel länger mit sich herumtrugen als ihre Ehe dauerte. Die Rüstung und der Stacheldraht. Das waren alte Schutzmechanismen. Nichts davon war über Nacht entstanden. Was sie damit machen würden, wusste sie damals noch nicht. Aber zum ersten Mal ahnte sie:
Mein Mann ist nicht mein Feind.
Was entsteht, wenn man anfängt, Raum einzunehmen
Heute, einige Zeit später, steht sie meist ohne Rüstung in ihrem Leben. Und genau daran erkennt sie die Veränderung. Sie hat kaum noch das Gefühl sich verteidigen zu müssen. Sie beschäftigt sich jetzt viel mehr mit sich anstatt damit, wie ihr Mann reagieren könnte.
Was sie sich erarbeitet hat, erstaunt sie selbst. Neuerdings, wenn sie nach einem Termin noch durch die Stadt geht, steigt kein Druck in ihr auf. Heute ist es anders als vorher: wenn sie sich Zeit lässt. Einen Kaffee trinkt. Noch durch ein Geschäft läuft. Ohne das Gefühl, sich dafür rechtfertigen zu müssen. Früher war sie innerlich schon auf dem Heimweg, bevor der Termin überhaupt vorbei war. Zu Hause und im Familiengeschäft wurde sie gebraucht. Überall wartete Verantwortung. Stillstand hat sich für sie nie nach Ruhe angefühlt. Eher nach Gefahr.
In einer Sitzung haben wir mit einem Seil und dem Bild gearbeitet: Ich trete über die Schwelle meiner Haustür. Ich gehe raus und tue, was ich möchte und das ohne schlechtes Gewissen. Ihr Körper hat sofort stark reagiert. Da war noch ein großer Abstand zwischen ihr und diesem Schritt. Und vielleicht versteht man dann, was dieser Schritt für sie bedeutet hat.
Und dann entsteht Lebendigkeit
Heute sagt sie manchmal einfach: „Ich bin unterwegs. Ihr müsst euch selbst etwas zu essen machen. „Und geht ohne schlechtes Gewissen. Ohne inneren Alarm. Sie hat verstanden, dass sie Raum einnehmen kann. Dass sie dafür keine Erlaubnis und Aufforderung ihres Mannes braucht. Sie fängt an aus der jahrelangen Anpassung auszusteigen und Schritt für Schritt ihren Alltag anders zu gestalten. Sie arbeitet in ihrem Berufsverband mit und ist jetzt Vorsitzende mit vielen Organisationsaufgaben und hält Vorträge, was sie sich früher nie zugetraut hat. Und in der Familienfirma ist sie jetzt in Rente gegangen.
Und vielleicht verändert genau das konkrete Tun auch ihren Blick auf ihren Mann. Er wirkt jetzt nicht mehr groß und übermächtig. Eher wie ein Mensch mit eigenen Verletzungen, eigenen Mustern und eigener Unsicherheit. Sie begegnen sich anders. Ruhiger. Fast so, als hätten beide langsam aufgehört zu kämpfen. Und sie sagt heute, dass ihr Mann viel freundlicher mit ihr umgeht.
Vielleicht auch, weil sie selbst nicht mehr ständig in Erwartung eines Angriffs lebt. Stattdessen fängt sie an, sich selbst zu führen. Ihre Veränderung gehört ihr, unabhängig davon, wie er sich verhalten wird.
Ein Satz, den sie mal gesagt hat: „Das Universum steht über mir offen.“
Erkennst du dich darin? Ich begleite dich auf genau diesem Weg.
