Ständig unter Leuten und trotzdem einsam
Ich erzähle hier von einer Frau, die stellvertretend für viele Menschen steht, die mir begegnen.
Sie fühlt sich einsam. Dabei ist sie nicht ohne Kontakte. Kinder, Kolleg:innen, Freunde, Bekannte, sie hat all das. Nur die Bekanntschaften und Freundschaften werden weniger.
Erst hat sie gedacht, es liege an der Persönlichkeitsentwicklung, die ihr immer schon wichtig war. Da trennen sich eben manchmal Wege. Doch das ist es nicht, was sie mit sich trägt und was immer schwerer wird.
Als sie erzählt, dass sie zwar gut darin ist, mit Menschen in Kontakt zu gehen, dass die aber meistens nicht bleiben, kommen ihr die Tränen. Was mit ihr nicht richtig ist, fragt sie sich schon lange, oder was sie falsch macht.
Seit einiger Zeit weiß sie: Sie hat einen anderen Denkstil. Und auch eine andere Art, die Welt zu erleben. Sie denkt schneller, fühlt tiefer und nimmt mehr wahr als andere.
Kann ich einfach nicht alleine sein? Diese Frage drängt sich ihr auf.
Sie ist gerne allein, das ist es also nicht. Trotzdem möchte sie in Verbindung sein, in Partnerschaft, Freundschaft, Bekanntschaft. Sie hat ein Bedürfnis nach Austausch und Dialog, und das erlebt sie selten. Außer mit ihren Kindern.
Ich kannte diese Geschichte schon, bevor sie zu Ende erzählt war.
Eine andere Verkabelung
Ich kenne dieses Gefühl. Mein Mann hat mal zu mir gesagt: Du triffst dich doch ständig mit so vielen Leuten. Und ich habe gedacht: Ja. Und trotzdem fühl ich mich allein.
Über Jahre habe ich mich gefragt, warum Kontakte nicht zustande kommen, obwohl man sich sympathisch findet, obwohl man denkt: großartig, das passt. Und trotzdem passt irgendetwas nicht. Man kommt nicht zueinander, oder es geht nach einer Weile wieder auseinander. Der Weg zum Verstandenwerden fühlt sich oft sehr steinig an.
Ich habe immer die Kontakte gepflegt. Lass uns mal treffen, hieß es oft von anderen. Dann kam ich mit dem Vorschlag, und dann kam nichts zurück. Trotzdem habe ich eher am Rand gestanden, auch in Gruppen. Beobachtend. Wie man lebt, habe ich beobachtet, statt mittendrin zu sein. Das liegt daran, dass ich auch anders denke. Vernetzt, divergent. Ich fühle tiefer, nehme mehr wahr und verarbeite deswegen vieles tiefer.
Die französische Psychotherapeutin Christel Petitcollin nennt das in ihrem Buch „Ich denke zu viel: Wie wir das Chaos im Kopf bändigen können“ mentale Hocheffizienz. Bei ihnen läuft das Denken vernetzt und assoziativ ab, anders als beim „Normdenken“ des Großteils der Menschen, deren Denken eher geradlinig verläuft. Man könnte auch sagen: Ich bin anders verkabelt.
Anders verkabelt zu sein klingt harmlos. Ist es nicht.
Der Knoten
Und hier ist der Knoten. Es liegt nicht daran, dass irgendjemand etwas falsch gemacht hat, weder ich noch meine Bekannten. Die Verkabelung passt einfach nicht zueinander. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie schwer es ist, Menschen loszulassen, die nicht zu einem passen, weil dann die Einsamkeit zuschlägt.
Ich nenne sie strukturelle Einsamkeit. Allein zu sein in einem Umfeld, in dem man sich nicht wiederfindet, in dem sich nichts spiegelt, das macht verdammt einsam. Gleiche unter Gleichen zu sein ist eine Voraussetzung dafür, sich gesehen und angenommen zu fühlen.
Wer dieses Anderssein nicht kennt, weiß auch nicht, wo er nach passenden Menschen suchen soll. Er verwaltet die Einsamkeit nur. Sie bleibt ein tiefes, nagendes Gefühl. „Ich bin nicht gut genug.“ „Ich bin nicht wertvoll.“ Solche Sätze begleiten das oft. Manchmal auch Ausdrücke wie: falsch, komisch oder vom falschen Planeten.
Etwas kommt dazu, das ich lange nicht gesehen habe. Wenn man sich ständig erklären muss, um verstanden zu werden, gerät man in eine Art Kampfmodus. Und der verstellt selbst den Blick. Er nimmt einem die Offenheit, die man eigentlich anderen Menschen gegenüber bräuchte.
Wenn du dich kleiner machst, als du bist
Ich erzähle das nicht nur von mir. Vielleicht ist dir deine besondere Art zu denken und zu fühlen noch nicht wirklich bewusst. Vielleicht kennst du aber Situationen, in denen du merkst, dass du gedanklich schon einige Ecken voraus bist. Oder in denen du das Gefühl hast, mit der Tiefe deiner Gefühle nicht verstanden zu werden. Du nimmst mehr wahr als andere, siehst Muster, die keinem auffallen. Dir wird regelmäßig gesagt, womit du anderen zu viel bist. Und du passt dich an und machst dich klein, wo es nur geht.
Wichtig ist, dass du deine Art zu sein in deinem Leben mitdenkst. Wird sie übergangen, indem du dich anpasst, entstehen innere Krisen. Oder eine äußere Krise macht sie plötzlich sichtbar und legt dir mehr Steine in den Weg, als du es gebrauchen kannst.
Und da ist noch etwas: Gut darin, mit Menschen in Kontakt zu gehen. Nur bleiben sie oft nicht. Du fragst dich, was mit dir nicht stimmt. Dabei stimmt mit dir nichts nicht.
Um Sicherheit geht es, um Gesehenwerden, um unverstellten Austausch. Absondern will sich damit niemand.
Genau hier setzt die Arbeit an.
Gleiche unter Gleichen
Bei einer meiner Begleitungen war das Allererste, was wir gemacht haben: Kontakt zu Menschen suchen, die ähnlich gestrickt sind. Vereine gibt es dafür, Gruppen, verschiedenste Formate, in denen man fündig wird. Ich selbst habe deshalb eine Frauengruppe zur Vernetzung gegründet und sie eingeladen.
Wo wir gerade stehen: Sie weiß noch nicht genau, was sie tun kann, womit sie sich beschäftigen kann. Nichts reizt sie wirklich, alles wirkt zu einfach oder zu wenig. Aus meiner Sicht hängt das mit einer Art Unterernährung zusammen. Wenn Begegnung und Spiegelung fehlen, entsteht Hunger. Der lässt sich nicht durch Unternehmungen stopfen. Das nährt nicht. Das kann es auch nicht, weil es dazu genug Begegnungen unter Gleichen braucht.
Diese Entspannung, dieses Flow-Gefühl, wenn man zum ersten Mal erlebt, wie es ist, einfach sein zu dürfen, ohne sich zu dimmen, ohne sich zurückzunehmen, ohne sich erklären und übersetzen zu müssen. Das ist unglaublich.
Regelmäßige In-Group-Erlebnisse sind die Voraussetzung dafür, dass auch der Kontakt zu Menschen anderer Art wieder gelingt. Es geht dabei nicht ums Absondern. Es geht darum, wieder unverstellt in Kontakt zu kommen, auch mit Bekannten und Kolleg:innen.
Viele Menschen haben über Jahre eine enorme Anpassungsleistung erbracht, die ihnen und ihren Beziehungen mehr geschadet als genützt hat. Das Echte ging verloren, und mit ihm der Blick für Menschen, die erstaunlicherweise doch passen.
Dabei haben einige tatsächlich den einen Kontakt, mit dem der Austausch sich leicht und erfüllend anfühlt. Nur richtet sich der Fokus meistens auf das, was fehlt.
Wird alles einbezogen, findet man nach und nach mehr Menschen, die passen. Begegnungen, die wirklich nähren. Auch mit Menschen, die ähnliche Themen und Interessen haben wie man selbst.
Genauso wichtig ist, was sich dabei in dir selbst verändert.
Was bleibt, wenn du aufhörst zu kämpfen
Wer aufhört, gegen sich zu kämpfen, sich zu verstecken, sich kleinzumachen, sich anzupassen, gewinnt nicht nur sich selbst zurück. Es entsteht Raum für echte Begegnungen. Mit Menschen, die ticken wie man selbst, und mit denen auch, die ganz anders sind und trotzdem nähren.
Wenn Menschen wegfallen, heißt das nicht, dass mit mir etwas nicht stimmt. Dafür muss ich aber wissen, dass ich normal bin und okay bin, so wie ich bin.
Wenn du dich wiedererkennst
Wenn du dich wiedererkennst und dir Begleitung von jemandem wünschst, die das kennt: Buch dir gerne ein kostenfreies und unverbindliches Kennenlerngespräch. Meist hat sich im Laufe der Jahre einiges aufgehäuft, und es gibt Momente, die sich sehr nach Krise anfühlen. Gerade dann macht es Sinn, sich eine Begleitung zu suchen. Besonders eine, die genauso gestrickt ist wie du.
